Alena Plebuch: My American Dream: Erfahrung XXL

Letztes Jahr habe ich mich dazu entschlossen, ein ganzes Jahr in die USA zu reisen.
Es war schon immer mein Traum, ein Austauschjahr in einem fremden Land zu verbringen, insbesondere in den Staaten. Ich wollte dieses „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ unbedingt selbst entdecken, auch wenn man ständig irgendetwas in den Medien über die USA hört. Ich wollte die Kultur näher kennenlernen und den „American way of life“ selbst miterleben. Das American English hat mich schon immer fasziniert, weil es sich vom British English so unterscheidet und mithilfe eines Auslandsaufenthalts könnte ich auch meine Englischkenntnisse verbessern. Eines meiner großen Ziele jedoch war es, viele neue Freundschaften zu knüpfen und die Kontakte aufrechtzuerhalten.
Aber natürlich wollte ich auch über mich selbst hinauswachsen, selbstständiger werden, meine Grenzen austesten und einfach in der Lage sein, mit bestimmten Situationen ganz allein zurechtzukommen. Ich war mir sicher, dass ich nicht nur viel über das Land und die Leute lernen würde, sondern auch über mich selbst viel Neues erfahren würde, was mir in meinen zukünftigen Lebenslagen bestimmt weiterhelfen würde.
Somit habe ich mich bei einer Austauschorganisation namens YFU (Youth For Understanding) beworben. Bald darauf wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und danach musste ich auf einen Brief, der entweder eine Zu- oder Absage enthielt, warten. Als dieser dann endlich ankam, konnte ich erleichtert aufatmen, denn er enthielt eine Zusage.
Von diesem Moment an begann die komplizierte Vorbereitungsphase auf mein großes Abenteuer. Es mussten unzählige Formulare ausgefüllt werden und allein schon die Visumseröffnung war ein Abenteuer für sich. Ich bin nach München zum amerikanischen Konsulat gefahren, um dort ein Visum zu beantragen, damit ich in die USA einreisen durfte. Es war bei diesem Konsulat, wo ich das erste Mal mit echten Amerikanern in Kontakt getreten bin. Es gab ein strenges Sicherheitssystem und es wurde fast ausschließlich nur Englisch gesprochen. Meine Mama musste leider draußen warten, während man mit mir ein kleines Interview führte. Als ich das Visum endlich in der Hand hatte, waren sowohl meine Mama als auch ich ziemlich erleichtert und die erste große Hürde war damit gemeistert. Das könnte man schon als „kleines Austauschjahr“ bezeichnen.
So hat das alles angefangen…D och jetzt erst begann das große Warten auf die Gastfamilie. Das war ebenfalls ziemlich nervenaufreibend, da mein eigentliches Abflugdatum um eine weitere Woche verschoben wurde, weil YFU immer noch keine geeignete Gastfamilie für mich gefunden hatte. Ungefähr fünf Tage vor meinem verschobenen Abflug gab es dann doch noch gute Neuigkeiten: YFU hatte endlich eine Familie für mich im so genannten „Golden State“ Kalifornien gefunden. Ich habe mich so gefreut, dass ich nach Kalifornien kommen würde, da ich mir das insgeheim immer gewünscht hatte. Das war definitiv mein Traumstaat. Meine Gastmutter war eine ältere Dame und von Beruf Anwältin. Ihre 26jährige Tochter, die als Tierarzthelferin arbeitete, lebte zusammen mit ihr in einem großen Haus in Fair Oaks, einem Vorort der kalifornischen Hauptstadt Sacramento. Ihr Mann war vor zwei Jahren verstorben.
Der Abschied von meiner Familie und all meinen Freunden in Deutschland fiel mir sehr schwer, aber ich wusste schließlich, dass ich nach einem Jahr wieder zurückkehren würde und das hat mir ein wenig geholfen. Ich war sehr aufgewühlt und nervös, denn jetzt ging es richtig los mit der Reise ins Ungewisse und das wurde mir erst am Flughafen bewusst.
Jedoch lief am Anfang leider nicht alles wie geschmiert. Aufgrund ihrer Berufe konnten weder meine Gastmutter noch meine Gastschwester allzu viel Zeit mit mir verbringen, da beide erst abends gegen 23 Uhr nach Hause kamen. Aus diesem Grund konnte ich auch meistens nicht einmal etwas mit Freunden unternehmen, da ich niemanden hatte, der mich fahren konnte und fast alle Amerikaner sind auf ein Auto angewiesen. Außerdem gab es oft Auseinandersetzungen wegen Kleinigkeiten, beispielsweise durfte ich nicht den Herd benutzen, was mir einfach nicht bewusst war. Die meiste Zeit habe ich mit einem Nachbarsmädchen verbracht oder mit meiner Familie in Deutschland geskypt und dadurch wurde das Heimweh natürlich umso größer. Einmal habe ich YFU Bescheid gesagt, aber mein Area Representative (die Dame, die für mich zuständig war) meinte nur, dass ich es doch noch versuchen könne und mich besser anpassen solle. Da kamen mir nur noch mehr Selbstzweifel und ich fühlte mich einfach oftmals sehr einsam und habe immer an meine Freunde und Familie zu Hause in Deutschland gedacht. Obwohl ich mich sehr unwohl fühlte, habe ich lange geschwiegen und niemandem gesagt, wie unwohl ich mich wirklich fühlte, weil ich es einfach weiterversuchen wollte und immer gedacht habe, es liegt an mir. Das bereue ich heute sehr.
Nach zwei Monaten jedoch habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Mir kam es so vor, als ob ich die Zeit meines Austauschjahrs nicht richtig nutzen würde. Daraufhin hat meine Mama YFU Deutschland kontaktiert und gleich gesagt, dass ein Gastfamilienwechsel unbedingt notwendig sei.
Dann ging alles ganz schnell…YFU USA hat mir geraten, meinen Freunden an meiner High School Bescheid zu sagen, damit ich wenigstens an derselben Schule bleiben konnte, anstatt durch zwei große Wechsel aus meinem gewohntem Umfeld gerissen zu werden und noch einmal ganz von vorne anfangen zu müssen. Das war natürlich keine angenehme Situation; ich fühlte mich ein bisschen so, als wäre ich obdachlos. Jedoch bin ich bei vielen Leuten auf Verständnis gestoßen, besonders bei meinen Lehrern. Es war ein Mädchen namens Isabella aus meinem Mathekurs, das mir gleich angeboten hat, bei ihr zu leben. Sie hat das alles schnell mit ihren Eltern abgesprochen und viele meiner Lehrer haben bei ihrem Vater, der ebenfalls Lehrer an dieser High School war, ein gutes Wort für mich eingelegt. Ich habe eine neue Area Representative bekommen, bei der ich zwei Tage lang gelebt habe und danach bin ich auch schon bei meiner neuen Gastfamilie eingezogen. Von nun an hatte ich zwei Gastschwestern, Isabella (16 Jahre) und Giovanna (14 Jahre) und einen jüngeren Gastbruder namens Antonio, der elf Jahre alt war. Ich wurde von der ganzen Familie sehr herzlich empfangen, sogar von den Tanten, Onkeln und Großeltern. Isabella hat sich sogar dazu bereiterklärt, ihr Zimmer mit mir zu teilen, wofür ich ihr immer noch sehr dankbar bin. Von diesem Moment an hat mein Austauschjahr erst richtig angefangen. Ich hatte keine Zeit mehr für Heimweh. Meine Gastschwestern und ich haben mit dem Country Line Dancing angefangen, was typisch amerikanisch war, und später haben meine jüngere Gastschwester und ich bei dem Theaterstück „Alice in Wonderland“ unserer High School vorgesprochen und wir konnten beide eine Rolle ergattern. Während meine Gastschwester die Hauptrolle der Alice spielte, hatte ich eine kleine aber sehr lustige Nebenrolle und war sehr zufrieden damit. Auch wenn die Theaterlehrerin sehr streng war und oftmals an mir Kritik geübt hat, hat mich meine ganze Gastfamilie sehr dabei unterstützt, vor allem meine Gasteltern. Ich hatte zu all meinen amerikanischen Familienmitgliedern eine gute Beziehung, insbesondere hatte ich eine sehr enge Beziehung zu meiner Gastmama. Ihr konnte ich all meine Probleme anvertrauen und wir konnten über alles miteinander reden. Sie war wie eine beste Freundin und Mama zugleich und hat mich auch sehr an meine eigene Mama erinnert.
Ich hatte gar keine Probleme, mich meiner zweiten Gastfamilie anzupassen und dank meiner Gastgeschwister wurde ich viel mehr ins Schul- und Alltagsleben integriert. Mir wurden Hausarbeiten zugeteilt, für die nur ich zuständig war und jeden Sonntagabend haben wir bei unserer Oma zu Abend gegessen. So fiel es mir gar nicht schwer, mich meinem neuen Umfeld anzupassen.
Im Februar sind wir zusammen eine Woche lang weggefahren. Zuerst sind wir nach Los Angeles gefahren und dort haben wir eine Sightseeing-Tour gemacht. Außerdem sind wir zu dem berühmten Freizeitpark namens „Universal Studios“ gegangen, wo schon viele weltbekannte Filme wie „Jaws“ oder „Psycho“ gedreht wurden. Das war auf jeden Fall ein unvergessliches Erlebnis. Ich hätte niemals gedacht, dass ich eines Tages in L. A. sein würde und all das sehen dürfte. Am nächsten Tag sind wir weiter südlich nach San Diego, eine Stadt, die fast an Mexiko grenzt, gefahren, um die Großeltern, die dort leben, zu besuchen. Dieser Besuch war wirklich toll, da die Großeltern so nett und herzlich waren und mich wie auch schon all die anderen Familienmitglieder gleich als neues Enkelkind akzeptiert haben. Der Abschied von ihnen fiel mir sehr schwer.
Mein Gastpapa hat sogar ein bisschen Deutsch gesprochen, da er das während seiner Schulzeit gelernt hatte. Ich denke, wir haben uns gegenseitig mit unseren Sprachkenntnissen weitergeholfen. Meine Gasteltern hatten beide einen tollen Sinn für Humor. Beispielsweise haben sie mir erklärt, dass es nicht „to cut the cheese“ sondern „to slice the cheese“ heißt, denn der erste Ausdruck wird nur verwendet, wenn man über Blähungen spricht. Es wurde wirklich nie langweilig und es gab immer etwas zu tun, sodass ich eigentlich gar keine Zeit mehr für Heimweh hatte. Zudem hatte meine Gastfamilie zwei kleine Hunde, vier Hühner und Bienen. Wir hatten immer hausgemachten Honig und frische Eier und das hat mich doch schon sehr überrascht, da einem in der Regel sofort Fast Food in den Kopf kommt, wenn man an die USA denkt.
Ende März durfte ich noch eine unvergessliche Reise machen: Ich verbrachte eine Woche auf Hawaii. YFU bot verschiedene Reisen durch die USA an und ich habe mich für Hawaii entschieden. Als ich dort angekommen bin, konnte ich kaum glauben, dass diese kleine und doch selbstständige Insel noch als 50. Staat zu den USA gehörte. Die Leute waren dort ganz anders, irgendwie gelassener. Ich war Teil einer Reisegruppe und wir hatten einen tollen Reiseleiter, der uns alles Sehenswertes innerhalb einer Woche gezeigt hat. Wir haben zum Beispiel den Hula-Dance gelernt und durften auch eine Surfstunde nehmen, was mein persönliches Highlight war. Er hat uns all die berühmten Strände, wo schon unzählige bekannte Filme gedreht wurden, gezeigt, wie den Waikiki Beach. Außerdem haben wir auch alle zusammen Pearl Harbor besichtigt und das war natürlich auch ein einzigartiges Erlebnis. Wir haben viel über die Geschichte dieses Denkmals gelernt, das zu Ehren der amerikanischen Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs durch eine japanische Attacke ums Leben kamen, errichtet wurde. Ich habe mich gefühlt, als ob ich eine Zeitreise gemacht hätte, denn alles war noch original erhalten, wie das Schiff, auf dem sich das Denkmal befand. Das war ein emotionales Erlebnis. Ich war froh, dass wir nicht nur Urlaub gemacht haben, sondern auch etwas über die Geschichte dieses einzigartigen Ortes gelernt haben.
Als ich wieder in Sacramento angekommen war, durften Isabella und ich mit einer sehr guten Freundin meiner Gastmama auf ein Konzert von Lady Gaga gehen und das war echt eine Erfahrung für sich. Ich war noch nie auf einem so großen Konzert und es hat mich einfach fasziniert, wie nah man den Stars in Kalifornien doch kommen kann.
Die letzten Monate meines Austauschjahres waren die besten. Ich hatte mich sehr gut eingelebt und endlich tolle Freunde gefunden; ich fühlte mich zuhause. Selbst in der Schule war ich in der Mittagspause nicht mehr allein. Ich finde es toll, dass die Schüler dort zu den Lehrern ein großes Vertrauen haben und mit ihnen über ihre privaten Probleme reden. An meiner Schule, die 2000 Schüler zählte, wurden unzählige Freizeitaktivitäten angeboten, besonders Sportarten. Die Schule war riesig und die erste Woche bin ich nur mit einer Karte zurechtgekommen, um zu meinen Unterrichtsstunden zu gelangen. Es kam mir ein bisschen so wie auf einer Universität vor. Zwar musste ich ab und an zu Kommentaren wie „Say hi to Hitler!“ oder „Are you a Nazi?“ Stellung nehmen, jedoch hat mir das wiederum gezeigt, dass viele amerikanische Jugendliche nicht viel über Deutschland oder allgemein Europa wissen und solche Bemerkungen unwissentlich und aus Neugier äußern. Somit denke ich, dass es für sie auch interessant war, etwas über Deutschland aus meiner Sicht zu hören, da ich einige Referate zu diesem Thema gehalten habe. In der Schule habe ich bald auch Anschluss gefunden und besonders meinen Englischkurs fand ich sehr interessant, da wir viel über englische Literatur gelernt haben.

Einige Tage vor meiner Rückkehr nach Deutschland hat meine Gastfamilie eine große Abschiedsparty für mich organisiert. Alle Verwandten und Freunde sind gekommen und es hat einfach so viel Spaß gemacht, mit ihnen allen noch einmal Zeit zu verbringen.
Umso schwerer fiel mir dann natürlich der Abschied. Zwar habe ich mich auf meine Familie und Freunde in Deutschland sehr gefreut, jedoch war es überhaupt nicht einfach, meine amerikanischen Familie und Freunde zu verlassen. Ich hatte mich so gut eingelebt und jetzt musste ich das alles hinter mir lassen und in mein „altes Leben“ zurückkehren. Der Abschied war im wahrsten Sinne des Wortes „bittersweet“. Aber dieses tränenreiche Abschiednehmen hat mir gezeigt, dass ich wirklich Teil der Perricone Familie (das ist der Nachname meiner Gastfamilie) geworden bin und immer bleiben werde…
Ich hoffe sehr, dass mich meine amerikanische Verwandtschaft eines Tages in Deutschland besuchen wird.
Rückblickend bereue ich überhaupt nicht, dass ich ein Jahr lang in Amerika verbracht habe, da ich um so viel Wissen und unzählige neue Erfahrungen reicher geworden bin und das kann mir niemand mehr wegnehmen. Ich habe so viele neue Freundschaften sowohl in den USA als auch in Ländern wie Japan, Thailand, Finnland oder Südkorea mit anderen Austauschschülern geknüpft und ich bemühe mich sehr, diese aufrechtzuerhalten.
Ich würde jedem, der sich dazu entschließt, empfehlen, ein Jahr im Ausland zu verbringen, auch wenn es nicht immer ein „Zuckerschlecken“ ist. Man muss sich von Anfang an darauf einstellen, dass auch schwere Zeiten auf einen zukommen. Es ist eine großartige Möglichkeit, die man unbedingt nutzen sollte, nicht nur für sich selbst, sondern auch um sein eigenes Land zu repräsentieren.
Ich denke, dass ich durch diese Reise, die mich stark geprägt hat, viel selbstständiger geworden bin und sie mich ständig beeinflussen wird.
Ich bin auf jeden Fall nicht mehr die alte Alena…

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